THEATER DES MONATS –
SAARLÄNDISCHES STAATSTHEATER SAARBRÜCKEN

Saarländisches Staatstheater. Foto: Pedro Malinowski

Das auf der einstigen Bleiche am Rand des historischen Ortskerns im Stadtteil St. Johann errichtete Vierspartenhaus für Musik-, Tanz-, Sprech- und Figurentheater verfügt über 875 Plätze. Heute finden sich im Publikum des einstigen, von der nationalsozialistischen Propaganda gegen Frankreich gerichteten „Bollwerks(s) deutscher Kultur“ (J. Goebbels) zahlreiche Besuchende von jenseits der keine fünf Kilometer entfernten Grenze. Vorwiegend vom Schauspiel genutzt wird die Alte Feuerwache mit 240 Plätzen. Im Graben nimmt das 1912 gegründete Saarländische Staatsorchester Platz.

Hof-, Gau-, Stadt- und Staatstheater

Gleich zwei Initiativen Fürst Ludwigs v. Nassau-Saarbrücken ließen im Jahr 1786 das Theaterleben seiner Landeshauptstadt aufblühen: die Eröffnung des „Comoedienhauses“ und die Verpflichtung August Wilhelm Ifflands, des prominentesten deutschsprachigen Schauspielers und erfolgreichsten Bühnenschriftstellers jener Jahre als Theaterleiter. Der Schwerpunkt lag auf dem Sprechtheater. 1790 wurde Iffland die Würde des ersten Saarbrücker Ehrenbürgers zuteil. Drei Jahre darauf tat er es dem Landesherrn gleich: Der Theaterstar flüchtete vor dem von einer Koalition deutscher Staaten herausgeforderten Franzosen. Bis zur Neugründung eines stehenden Ensembles dauerte es länger als ein Jahrhundert. Zunächst unter „Thalia Theater“ firmierend, durften sich Haus und Ensemble seit 1922 „Stadttheater“ nennen. Musikalisch bewiesen die Folgejahre unter Felix Lederers Orchesterleitung eindrucksvollen Standard. Sobald das Saarland sich bei der Volksabstimmung des Jahres 1935 dem Deutschen Reich angeschlossen hatte, wurde der hochangesehene jüdische Dirigent mit Berufsverbot belegt.

Um sich für die saarländische Entscheidung gegen Völkerbundsmandat und Frankreich mittels „Geschenk“ erkenntlich zu zeigen und das Votum für die nationalsozialistische Propaganda zu instrumentalisieren, drängte Hitler auf einen monumentalen Theaterbau als kulturelle Grenzfestung. In seiner, Goebbels’ und Himmlers Anwesenheit eröffnete am neunten Oktober 1938 der „Fliegende Holländer“ das „Gautheater Saarpfalz“. Regie führte Intendant Bruno v. Niessen, der schon als Opernreferent der Reichstheaterkammer sein Unwesen getrieben hatte. Dirigent war der eher unter „Mitläufer“ rangierende und später in der DDR überaus geschätzte Heinz Bongartz. Auch das Sprechtheater agierte streng auf braunem Kurs, ließ sich gar zu Uraufführungen linientreuer Stücke herbei.

Auf die britischen Bombentreffer vom Juli 1942 reagierte Hitler, indem er zügigen Wiederaufbau befahl. Die Rückkehr des Ensembles aus seinen Interimsquartieren wurde denn auch allein durch die Schließung aller deutschen Theater zum 30. April 1944 verhindert. Intendant von Nissen hatte geplant, pünktlich zu Hitlers 56. Geburtstag im April 1945 „Tristan und Isolde“ auf den Spielplan zu setzen.

Zuschauerraum, heutiger Zustand. Foto: Pedro Malinowski

Der britische Bombenangriff vom fünften Oktober 1944 hinterließ das Vorderhaus als Ruine, der Bühnentrakt indes stand unversehrt. Drei Jahre darauf war das nunmehr unter „Stadttheater Saarbrücken“ firmierende Haus instand gesetzt. Intendant Willy Schüller schloss zur Moderne auf, indem er zeitgenössische französische Dramatik ins Programm nahm. Frankreich kehrte kulturpolitisch weniger den Besatzer hervor, trat vielmehr als Ermöglicher auf. So gastierten die Saarbrücker 1953 mit Ibsens „Peer Gynt“ und Strauss’ „Arabella“ im Pariser Théâtre des Champs-Élysées. Hermann Wedekinds Intendanz (1960 – 1975) folgte der Devise „Kultur kennt keine Grenzen.“ Wedekind knüpfte enge Bande zu Oper und Schauspiel in der georgischen Hauptstadt Tiblissi. Resultat waren wechselseitige Gastspiele. Aus der 1971 veranstalteten „Georgischen Woche“ ging die Städtepartnerschaft der beiden Kapitalen hervor. Im selben Jahr firmierte das Haus zum Saarländischen Staatstheater um. Martin Peleikis, Intendant von 1975 bis 1991, setzte mit der „Eugen- d’Albert-Festwoche“ im Jahr 1983 einen Meilenstein für die Rezeption des beinahe vergessenen Komponisten. Auf dem Programm standen „Tiefland“ und „Der Golem“. Während ihrer von 2006 bis 2017 währenden Ägide etablierte Dagmar Schlingmann das frankophoner Gegenwartsdramatik und deren Übersetzung ins Deutsche eine Plattform bietende Festival „Primeurs“. Prominente Theaterautoren wie Valère Novarina, Joel Pommerat und Wajdi Mouawad sind ebenso vertreten wie jüngere Bühnenschriftsteller und vor allem Bühnenschriftstellerinnen. Regelmäßig fällt der enge Bezug der Auswahl zum Festival d’Avignon auf, so etwa bei Sarah Berthiaume und Carine Lacroix.

Macbeth Underworld

Der ohnehin der Moderne und Nachmoderne zugetane, in der Saarländischen Landeshauptstadt zwischen 2017 und 2025 amtierende, Bodo Busse landete während der Covid-19-Pandemie einen förmlichen coup de théâtre. Kaum hatte sich im April 2021 eine allein und für lediglich 17 Tage dem Saarland vorbehaltene Lockerung der restriktiven Sicherheitsvorschriften ergeben, setzte Busse die deutsche Erstaufführung von Pascal Dusapins Oper „Macbeth Underworld“ an. Im einzigen bespielten deutschen Theater und vor selbst aus den USA herbeigeeilter Presse griffen gespenstische Bizarrerie und Skurrilität des Werks in Lorenzo Fioronis Regie mitten ins obwaltende Publikumsgemüt. Ein Triumph sehr spezifischer Art für den prominenten französischen Tonsetzer. Die Uraufführungsverdienste des Schauspiels erwuchsen in Busses Jahren aus Rebekka Kricheldorfs „Werwolf eine Mythengroteske“ (2019) und „Mehr Lametta am Meer“ (2025) sowie Philipp Löhles „Firnis“ (2024).

Musiktheaterfachmann auf Entdeckungsreise durch die Sparten

Seit Beginn der Spielzeit 2025 / 2026 leitet Generalintendant Michael Schulz das Saarbrücker Staatstheater. Schulz wechselte vom Gelsenkirchener Musiktheater im Revier, das er mehr als anderthalb Jahrzehnte hindurch profiliert hatte, nach hier, um sich für ihn neue Sparten und Formate zu erschließen. Musik-, Tanz- und Sprech- ergänzte er um das Figurentheater (Puppen).

Michael Schulz. Foto: Pedro Malinowski

Wo immer sich Gelegenheit bietet, bereichert Spartenübergreifendes den Spielplan. Partizipation denkt der Saarbrücker Hausherr in umfassendem Sinn. Laien sollen sich je nach ihren Präferenzen sowohl auf als auch hinter der Bühne einbringen können. Schulz setzt auch an der Saar durch eigene Regiearbeiten Maßstäbe. In seiner ersten Spielzeit inszenierte er „Dialogues des Carmélites“ ein Werk, das seinen Werdegang prägte. Seine Sicht auf Poulencs Oper am Essener Aalto Theater hatte ihm 1998 den damals zum ersten Mal vergebenen renommierten Götz-Friedrich-Preis für junge Regieführende eingetragen. Nach wie vor gastiert Schulz an wichtigen Häusern, so 2024 mit „Der Rosenkavalier“ in Leipzig und im Jahr darauf mit „Die Meistersinger“ in Budapest.

Humanisierung des schwierigen architektonischen Erbes

Bis ins vorletzte Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts beschränkte sich das Saarbrücker Theaterleben architektonisch auf das intime barocke Hoftheater im Schloss. Erst das 1786 eröffnete „Comoedienhaus“ schuf Abhilfe. Außen der Säulenportikus und im Inneren der Zuschauerraum im Übergang vom Logen- zum offenen Rangtheater orientierten sich klar nach Frankreich. Im Koalitionskrieg legte 1793 preußischer Artilleriebeschuss das Schlosstheater in Schutt und Asche. Hingegen rissen die obsiegenden Franzosen pünktlich zu Jahrhundertwende das „Comoedienhaus“ ab. Das 1897 eröffnete „Thalia-“ und nachmalige „Stadttheater“ in der Stengelstraße war ein später von 500 auf 700 Plätze erweiterter historistischer Wolpertinger aus Gotik und Renaissance des in der Region vielbeschäftigten Architekten Hans Peter Weszkalnys. Nach Eröffnung des „Gautheaters Saarpfalz“ diente das Haus als Varieté. – Wirklich degradierte das „Kulturbollwerk“ des für Theaterbauaufgaben von Hitler bevorzugten Paul Baumgarten die einst städtische Bühne zur Miniatur. Baumgarten lieferte für die nationalsozialistische Repräsentationsarchitektur üblichen bombastischen Neoklassizismus. Das Konstruktionsprinzip freilich war modern, ein Stahlskelettbau. Die U-Form des Grundrisses für den Zuschauersaal setzt sich über Umgänge, Foyers, Treppenhäuser und Vestibül bis in die Außenfassade fort. Letztere gliedert eine stockwerkübergreifende Kolonnade. Angeregt haben mochte die Lösung u.a. Max Littmanns Stuttgarter Staatsoper aus dem Jahr 1912. Das Hauptfoyer fungierte als nationalsozialistische „Ehrenhalle“. Über einem monumentalen Hitlerbildnis in Öl breitete der Hakenkreuzadler seine Fittiche aus. Verteilt auf Parkett und die beiden freitragenden Ränge, bot der Zuschauersaal 1132 Plätze. In der Mitte des ersten Rangs prangte die Führerloge samt dahinter gelagertem Salon, ihr attachierten sich beidseitig hinter den gewöhnlichen Zuschauerreihen platzierte kleinere Logen. Die Ränge stiegen leicht an, kaum merklich das Parkett.

Blick aus dem Bühnenturm. Foto: Pedro Malinowski

Das enorme Proszenium gliederten auf jeder Seite zwei kolossale toskanische Säulen. Die Hauptbühne misst 24 Meter in der Breite und 21 Meter in der Tiefe, der Bühnenraum insgesamt nimmt über 1300 Quadratmeter Grundfläche ein. Von Anbeginn waren hydraulisch betriebene Hubpodien installiert. Übrigens konnte von einem „Geschenk“ des Despoten an die Bevölkerung des Saarlandes nur bedingt die Rede sein. Über die Hälfte der sich auf dreieinhalb Millionen Reichsmark belaufenden Baukosten hatte die Stadt Saarbrücken aufzubringen. Mehrheitlich finanzierte die Kommune auch den Spielbetrieb, wenngleich die Reichszuschüsse erheblich waren.

Architektonische Entideologisierung

Selbsterklärend, wie rasch nach dem Krieg die offen nationalsozialistischen Embleme abmontiert wurden. Fortan bot die einstige „Ehrenhalle“ den Anblick eines entideologisierten Hauptfoyers. Im Auditorium wichen Führerloge und flankierende Logen regulären Zuschauerreihen.

Deckengemälde von Peter Schubert. Foto: Pedro Malinowski

Prominenter Architekt des 1989 abgeschlossenen nun das Haus in seiner Gesamtheit in den Blick nehmenden Umbaus war Gottfried Böhm. Fortan folgte der Bau einem von zugleich hellen und warmen Tönen bestimmten Farbkonzept. Um den Sitzkomfort zu erhöhen, zeigte sich der Zuschauerraum auf nun 875 Plätze reduziert. Anstelle der Führerloge installierte Böhm hinter zwei Zuschauerreihen eine „Technikbox“ für Beleuchtung und Ton. Die neoklassizistischen Zierpfeiler in der hinteren Partie des ersten Ranges wurden entfernt. Das Proszenium wurde u.a. durch die nun unauffällig-schwarze Fassung der hinteren Säulen entheroisiert. Für die Kuppel ersann der aus dem Informel kommende Peter Schubert ein die Impulsivität und Farbigkeit barocker Wolkenformationen aufrufendes Deckengemälde.

Alte Feuerwache. Foto: Pedro Malinowski

Seit 1982 fungiert die Alte Feuerwache als kleines Haus des Staatstheaters. Vom St. Johanner Stadtbaumeister Wilhelm Franz 1897 errichtet, diente das heute im vorderen Bereich von einer Gastronomie genutzte Erdgeschoss als Garage für die Spritzenwagen der Feuerwehr. Darüber erhob sich im Obergeschoss die Turnhalle des örtlichen Vereins für Leibesübungen, jetzt der Theatersaal samt vielfach variabler Bühne.

Alte Feuerwache, Zuschauersaal. Foto: Pedro Malinowski

Jiří Kout. Foto: D. Kneřová

JIŘÍ KOUT (*26.12.1937)

Zivilcourage wie auch der gleichermaßen intellektuelle und dramatische Zugriff auf die Werke des Musiktheaters zeichnen den tschechischen Dirigenten aus. Saarbrücker Generalmusikdirektor war Kout zwischen 1985 und 1991. Als gerade einmal Zweiunddreißigjährigen hatte ihn die sozialistische Regierung seines Heimatlandes mit Berufsverbot belegt. Nie hatte der junge Dirigent an der Pilsener Oper seine Ablehnung des Einmarschs sowjetischer Truppen verhehlt. Sobald er während einer Aufführung von „Zar und Zimmermann“ von der Selbstverbrennung eines Pilsener Mitbürgers Kenntnis erlangt hatte, trat er vor Theaterleute und Publikum, um das Votum über Abbruch oder Fortsetzung der Vorstellung einzuholen. Schweigend verließen die Menschen das Theater. Obwohl nach Ende des Berufsverbots als Dirigent gefragt, trachtete die sozialistische Nomenklatura nach seiner Demontage. Von einem Gastspiel im Westen kehrte er nicht heim. Über die Deutsche Oper am Rhein (Düsseldorf / Duisburg) gelangte Kout auf seinen ersten Chefposten nach Saarbrücken. Hier kristallisierten sich zwei Schwerpunkte seines Schaffens heraus. Einerseits Wagner und Richard Strauss. Zwischen 1986 und 1990 brachte er an der Saar im Verein mit dem Regisseur Grischa Asgaroff den „Ring“ heraus. Andererseits wiesen ihn „Katja Kabanowa“ und „Aus einem Totenhaus“ als Janáček-Experten von Graden aus. Kouts Dirigate zeichnen tiefe Emotionalität und analytischer Scharfsinn bei beständig transparenter Klanglichkeit aus. Aus Janáčeks Opern hatte er gelernt, den Spracheigentümlichkeiten der Libretti große Beachtung zu schenken. Von Saarbrücken wechselte Kout an die Deutsche Oper Berlin, wo eigens für ihn die Position des Ersten Dirigenten geschaffen worden war. Zwischen 1993 und 1999 war er GMD der Leipziger Oper. Nach Prag war er 1995 anlässlich einer konzertanten „Elektra“ im Triumph zurückgekehrt. Fortan dirigierte er regelmäßig in der tschechischen Hauptstadt. Wohl auch, weil ihm die Landschaft behagte, wählte er als sein letztes festes Engagement das schweizerische St. Gallen.

Michael Kaminski