DICHTERN, KOMPONISTEN UND VIELEN ANDEREN
AUF DER SPUR

Eine Reise durch Oberfranken und die Oberpfalz, Folge 1

Bamberg, Altes Rathaus

Text: Michael Kaminski
Fotos: Christine Kraak

WERNSDORF (Ldkr. Bamberg)

Dem Übernachtungsquartier sollte ein Gasthof angeschlossen sein. In Franken – versteht sich von selbst – mit Biergarten. Da mit größerem Hund unterwegs, empfahl sich des Auslaufs halber dörfliche Umgebung.

Fündig wurden wir unweit Bambergs, in Wernsdorf. Gemeinsam mit dem örtlichen Wasserschloss wird der heutige „Schillerhof“ erstmals 1348 im Rechtsbuch des Bamberger Fürstbischofs erwähnt. Spätestens zu Beginn des 18. Jahrhunderts besaß die Hofstelle Brau- und Schankrecht. Doch fiel der letzte Braumeister der früheren Eigentümerfamilie im zweiten Weltkrieg, die örtliche Brautradition erlosch. 

Restaurant und Hotel „Schillerhof“

Die Fassade des historischen Gasthauses im neben dem Fachwerk für die Region üblichen Sandstein datiert in die spätere erste Hälfte des 19. Jahrhunderts. Das zugehörige Hotel dahinter ist ganz heutig und angenehm. Den Gerstensaft im Biergarten liefert eine regionale Brauerei, das Schäufele bereitet deftige Freude.

Biergarten des „Schillerhofs“

Schloss Wernsdorf ging offenbar aus einer karolingischen Grenzfestung an einem der Handelswege zu den Slawen hervor. Burgherr der überschaubaren Anlage war spätestens seit dem hohen Mittelalter der Bamberger Fürstbischof. Die heutige Baugestalt des einstigen Wasserschlosses ist Ergebnis der Barockisierung durch den Bamberger Oberhirten Gottfried I. von Aschhausen im ersten Viertel des 17. Jahrhunderts.

Schloss Wernsdorf. Foto: Stephan van Helden

Seit 1993 ist Schloss Wernsdorf Sitz der Capella Antiqua Bambergensis, 2016 ging es gar in ihr Eigentum über. Das Ensemble pflegt die Musik des Mittelalters und der Renaissance. Gründer und bis heute Leiter ist Wolfgang Spindler (*1938). Der Boden unter des Schlosses Spitzdach zeigt sich zum Konzertsaal ausgebaut. Im Schlossgarten befindet sich eine rege beauftragte Werkstatt zum Nachbau mittelalterlicher Instrumente.

BAMBERG

Barock und Katholizismus. Mindestens von Letzterem zeigten sich die Romantiker eigenartig fasziniert. Bamberger Hausmadonna

E.T.A. Hoffmann führte uns in die Siebenhügelstadt, die Metropole des von Kaiser Heinrich dem Zweiten zur Behauptung imperialer Macht gegen den aufmüpfigen Adel und zur Slawenmission am Obermain im Jahr 1007 gegründeten Bistums, das „fränkische Rom“. Hoffmann lebte hier zwischen 1808 und 1813. Während sich der Gatte der Zecherei und der Liebe zu arg jungen, ihn mehr oder minder erhörenden Frauen hingab, führte Gemahlin Michalina ein, wenn schon nicht isoliertes, so doch recht zurückgezogenes Leben.

Den Dichterkomponisten hatte nicht wie anderthalb Jahrzehnte zuvor die beiden Erlanger Studiosi Ludwig Tieck und Heinrich Wackenroder dichterische Emphase nach hier bewogen, vielmehr blanker Geldmangel. Tieck und Wackenroder hatten mit dem poetischen Niederschlag ihrer oberfränkischen Ausflüge die deutsche Romantik ins Leben gerufen, Hoffmann bot sich durch Annahme des Postens als „Musikdirektor“ am Bamberger Theater die Aussicht auf festes Gehalt. Wegen der durch den Einfall Napoleons nahezu zahlungsunfähigen preußischen Krone war der Regierungsrat aus dem Staatsdienst entlassen worden. Der Jurist dachte aus der Not eine Tugend und seine musikalische Passion zur künstlerischen Profession zu machen. Ein das Ansinnen unterstützender Freund für ihn im „Reichsanzeiger“ ein auf das Engagement als Kapellmeister zielendes Stellengesuch aufgegeben.

Worin einschlägige Berufserfahrung behauptet wurde. Die indessen fehlte. Gleich nach seiner Ankunft in Bamberg wurde die Hochstapelei offenbar. Hoffmanns erstes Operndirigat geriet zum Fiasko. Die Orchesterleitung wurde ihm entzogen, das Gehalt auf die Hälfte reduziert. Fortan war Hoffmann lediglich für die Komposition von Schauspielmusiken und Balletten zuständig. Freilich und bedeutsam für die bürgerliche Reputation samt Zugang zu den Bamberger Honoratiorenkreisen: Den Titel „Musikdirektor“ durfte er behalten. Unter wechselnden Intendanten betätigte sich Hoffmann am Theater in baldigem beruflichem Ab- und späterem Wiederaufstieg als Gelegenheitsarbeiter in Vorder- und Hinterhaus, verdingte sich als Kartenabreißer, Bühnentechniker und Kulissenmaler.

Final avancierte er zum Bühnenbildner. Seine auf einem Libretto des damaligen Theaterdirektors Franz v. Holbein fußende Oper „Aurora“ blieb der misslichen Etatsituation des Hauses halber unaufgeführt. Alsbald verließ der Hoffmann gewogene Intendant Bamberg, um sich auf die bis ans Wiener Burgtheater führende Karriereleiter zu begeben. Ohnehin hatte auch Hoffmann in der Stadt am Unterlauf der Regnitz kaum mehr etwas verloren. Zutiefst verletzte ihn, seine Klavier- und Gesangsschülerin Julia Mark einem Nebenbuhler überlassen zu müssen. Von Bamberg aus nahm der Dichterkomponist ein Engagement als Kapellmeister einer zweitklassigen Operntruppe an, das ihn über Leipzig nach Dresden führte. Nicht in die Hofoper, sondern in ein vor der Stadt gelegenes Etablissement.

„Harmoniegebäude“, Gasthof „Rose“, im Hintergrund das Theater

Kurz war für Hoffmann die Mehrzahl der wichtigsten seiner Bamberger Wege. Das Theater war sechs Jahre vor seiner Ankunft eingeweiht worden. Obschon 1861 neobarock überformt, gibt sich die Grundgestalt des Auditoriums, so wie es sich Hoffmann dargeboten hat, noch zu erkennen. Wozu die berühmte „Fremdenloge Nr. 23“ seiner in Bamberg entstandenen Erzählung „Don Juan“ zählt.  Der Besucher erblickt den vielleicht prominentesten Zuschauerplatz der deutschen Literaturgeschichte auf Parkettebene rechts im Proszenium. Tatsächlich führte eine – heute zugemauerte – Verbindungstür zur benachbarten Restauration.

Den Impuls zur Erzählung gab wohl ein Bamberger „Don Giovanni“ mit Intendant von Holbein in der Titelpartie. So lässt sich denn der „reisende Enthusiast“ – dem durchaus des Dichters Gestalt und Antlitz verliehen werden darf – samt der ihn in der Loge aufsuchenden Primadonna noch immer trefflich imaginieren. – Die Durchblicke auf Kassenhalle und Foyer erlaubende Glasfassade verdankt sich der 2003 abgeschlossenen Sanierung und Erweiterung des heute unter „E. T. A. Hoffmann  Theater“ firmierenden Hauses. Federführend war das in Hannover ansässige, renommierte und im Theaterbau erfahrene Architekturbüro Springer.

Schauseite des Theaters

Bespielt wird das Haus vom örtlichen Sprechtheaterensemble. Unter Sibylle Broll-Papes von 2016 bis 2025 währender Ägide erhielten drei Inszenierungen Einladungen zu den Mülheimer Theatertagen. Gegenwärtiger Intendant ist John von Düffel. Vor dem Haupteingang begegnet der Dichterkomponist in Mantel und Zylinder, Partitur oder Manuskript unter dem Arm und Kater Murr auf der Schulter. In Bronze. Geschaffen hat das 1980 aufgestellte Standbild der lange in der Region ansässige und ihr verbundene Reinhard Klesse (1932-2014).

Denkmal für den Poeten.

Zurück auf Hoffmanns kurze Wege. Direkt ans Theater angebaut, finden sich zwei für ihn beinahe kaum minder als der Musentempel bedeutende Lokalitäten. Höhepunkt der Raumfolge der „Harmonie“ ist der „Spiegelsaal“. Das Gebäude dient der namengebenden Vereinigung von Bürgerinnen und Bürgern bis heute zu Bällen, Konzerten, Banketten und überhaupt geselligem Verkehr. Hoffmann wurde – was nur auf Vorschlag durch ein Mitglied geschieht – in die „Harmonie“ aufgenommen. Bambergs bürgerliche Elite akzeptierte den „Musikdirektor“ als zugehörig. Leicht lässt er sich im „Spiegelsaal“ und den Salons als geistreicher Gesprächspartner und die Honoratiorinnen und Honoratioren durch und durch romantisch dünkender Künstler vorstellen. Wie ins Theater zog 1861 Neobarock in die Räume der „Harmonie“ ein.

Harmoniegebäude. Treff von Bambergs Bürgerelite. Foto: Tilman 2007

Zum zentralen Schauplatz bayerischer Geschichte wurde der „Spiegelsaal“ im Sommer 1919. Landtag und Kabinett waren vor den beiden aufeinanderfolgenden Münchener Räteregierungen nach Bamberg geflohen. Zwar waren die Räte schon Mai des Jahres aufgelöst worden, doch war die Situation in der Landeshauptstadt noch immer zum Zerreißen gespannt. Die Beratungen zur und Abstimmung über die erste demokratische Verfassung des Freistaates fanden daher im friedlichen Bamberg statt. Paragraph zwei der am 12. August 1919 vom Landtag im „Spiegelsaal“ verabschiedeten Konstitution: „Die Staatsgewalt geht von der Gesamtheit des Volkes aus.“ – Ob E.T.A. Hoffmann dem zugestimmt hätte? Jedenfalls hat er sich als nachmaliger Richter am Berliner Kammergericht für die juristisch korrekte Behandlung der aus politischen Gründen Belangten verwendet. Er sah das Recht auf ihrer Seite. Seine Urteile hatten Bestand.

Gleich neben dem Harmoniegebäude und wie dieses rückseitig Wand an Wand mit dem Theater, fungiert die „Rose“ noch immer als Restaurant. Doch könnte sich der „reisende Enthusiast“ nicht mehr dort einquartieren, der Hotelbetrieb wurde 2012 eingestellt. Ohnehin besaß keines der realen Zimmer eine Tür in eine der Theaterlogen. Der tatsächliche Weg in die „Fremdenloge Nr. 23“ führte über einen Flur. Sei dem, wie ihm sei: Hoffmann leerte in der „Theaterrose“ zahllose Pokale Rebensaft. Freund Carl Friedrich Kunz, seines Zeichens Weinhändler, beglich gewiss manche Zeche. Im Jahr von Hoffmanns Fortgang aus Bamberg gründete der von Jugend auf kunst- und poesieaffine Kunz, der zahlreiche durchreisende Dichter, Künstler und Wissenschaftler in sein Haus lud, die bändestärkste Leihbibliothek Bayerns. Bald auch jenen Verlag, der Hoffmanns „Fantasiestücke in Callot’s Manier“ herausbrachte.

„Theaterrose“. Hier „pokulierte“ Hoffmann. Postkarte um 1900

Weitere Bacchusbrüder waren der Arzt Philipp Gabriel Speyer und der Offizier Friedrich von Speeth. Letzterer teilte mit Hoffmann die zeichnerische Begabung. Versteht sich, dass auch der dem Dichterkomponisten aus früheren Jahren befreundete und ihn als Bühnenbildner und Komponisten beschäftigende Intendant Franz von Holbein sich hinzugesellte. Ferner manches Ensemblemitglied. Wenn er zu Besuch in der Stadt war, schaute Jean Paul vorbei. Immer wieder einmal soff sich Hoffmann Gesellschaft ablehnend – einsam – in die Besinnungslosigkeit und schlief am Wirtshaustisch ein.

Ob nun bloß angeheitert oder sturzbetrunken, um ins Bett zu kriechen, musste er lediglich den zwischen dem Komplex aus Theater, „Harmonie“ und „Rose“ und seiner Wohnung gelegenen heutigen Schillerplatz (seinerzeit „Zinkenwörth“) überqueren. Das straßenseitig wenig über dreieinhalb Meter breite Haus datiert wohl ins Jahr 1761. Die Tiefe ist komfortabler.

In der Bildmitte des Poeten und seiner Frau schmalbrüstiges Quartier.

Der Dichter und Michalina bewohnten Wohnzimmer und Küche im zweiten Obergeschoss sowie eine in der Dachmansarde gelegene – von Hoffmann „Poetenstübchen“ geheißene – Kammer für Bett und Schreibtisch. Saß der aus dem Rausch erwachte Dichter droben bei der Arbeit, tauschten er und die im Wohnzimmer befindliche Michalina sich durch ein Loch in der Decke aus. Auch soll Hoffmann die Luke für allerlei Schabernack genutzt – Stiefel herabgeworfen und Handtücher hinabgelassen – haben. Die originale Ausstattung ging verloren. Museum ist das Haus seit 1930. Gegenwärtig wird es saniert und neugestaltet.

Raschen Schrittes benötigte Hoffmann kaum fünf Minuten zum Haus der Konsulin Mark in der noch immer geschäftigen Langen Straße. Wo deren Tochter Julia ihren Klavier- und Gesangslehrer erwartete. Die Familie zählte zu den tonangebenden der Stadt. Die Mutter der Schülerin war Witwe des Konsuls der Vereinigten Staaten für Franken. Zur Verwandtschaft zählte der weit über die Grenzen der Stadt hinaus prominente Arzt Adalbert Friedrich Marcus, als Freund der Künste federführend im Kreis der Aktionäre des Bamberger Theaters. Der Konsulin Wohnung im 1797 vom fürstbischöflich-bambergischen Hofbaumeister Lorenz Fink erbauten überaus stattlichen Doppelhaus war eine erste Adresse.

Haus der Konsulin Mark. Den Besuchen in der Langen Straße schmachtete Hoffmann entgegen.

Hinter der Fassade im gleichermaßen klassizistisch-dezenten und repräsentativen Plattenstil gestand im Januar 1812 der kurz vor dem Eintritt ins 36. Lebensjahr stehende Hoffmann der fünfzehnjährigen Tochter des Hauses seine Liebe. Die Konsulin indes verheiratete Julia mit dem Hamburger Senatoren- und Bankiersspross Gerhard Graepel junior. Der Auserwählte war zehn Jahre jünger als der Dichterkomponist. Bei Gelegenheit eines Spaziergangs mit den Verlobten provozierte Hoffmann einen Eklat. Was an Julias Umzug in den Norden nichts änderte. Bamberg hatte sich für Hoffmann erledigt. Julias Ehe verlief unglücklich. Doch steckt sie in nicht nur einer von des Dichters Mädchenfrauen: in den „Lebensansichten des Katers Murr“ beim Klarnamen genannt, ferner in Aurelie („Die Elixiere des Teufels“), Cäcilia („Nachricht von den neuesten Schicksalen des Hundes Berganza“) und Clara („Der Sandmann“).

Unglücklich, doch inspiriert verließ der Dichterkomponist die Stadt an der Regnitzmündung. Behutsam fortschreitend schob sich das Poeten- vor das Tonsetzerdasein. Mochte immer die Vollendung des in Bamberg begonnenen chefs d’oeuvre in Hoffmanns Opernschaffen noch auf sich warten lassen, „Undine“.