THEATER DES MONATS – THEATER BIELEFELD

Theater Bielefeld, Jugendstilfassade. Foto: Christian Schulz

Die Lage des unmittelbar dem Rathaus benachbarten Stadttheaters ist bezeichnend. Das Musik-, Tanz- und Sprechtheater vereinende Dreispartenhaus adressierte von Anbeginn die Bürgergesellschaft. Heute bietet es 725 Sitzplätze. Das nach dem zweiten Weltkrieg hinzugekommene und vor allem vom Schauspiel genutzte Theater am Alten Markt verfügt über 306 Sitzplätze.

Die Orchesterdienste im Musiktheater werden von den 1901 gegründeten Bielefelder Philharmonikern übernommen. Zwischen 1930 und 1933 stand dem Klangkörper der heute noch vor allem als Komponist von Sakralmusik geschätzte Heinrich Kaminski vor.

Ausgrabungen und dramaturgische Wagnisse

Carl Maria von Webers „Jubelouvertüre“ und Schillers „Die Jungfrau von Orleans“ eröffneten das Haus am dritten April 1904. In den Anfangsjahren dominierte das Sprechtheater, nach dem ersten Weltkrieg kam das Ensemble für Oper und Operette hinzu. Unmittelbar nach der Befreiung vom Gewaltregime war im Jahr 1945 hier – in seiner Heimatstadt – Hans Werner Henze als Korrepetitor engagiert. Bundesweites und gar internationales Aufsehen weckte zwischen 1975 und 1998 Intendant Heiner Bruns im Verein mit seinem Oberspielleiter und Nachfolger John Dew sowie Bühnenbildner Gottfried Pilz. Bei seinen „Ausgrabungen“ wurde Dew vor allem im durch die braune Bande geächteten Musiktheater der zwanziger und frühen dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts fündig.

Auf den Spielplan gelangten gleichermaßen Zeitopern – so Max Brands „Maschinist Hopkins“ – wie andererseits mystisch-ekstatisch Aufgipfelndes, etwa Korngolds „Wunder der Heliane“. Mit „Irrelohe“, „Der singende Teufel“ und „Der Schmied von Gent“ leisteten die Bielefelder einen wichtigen Beitrag zur Renaissance der Opern Franz Schrekers.

Theater Bielefeld, Zuschauerraum. Foto: Christian Schulz

Michael Heicks, Schauspieldirektor seit 2000 und Intendant von 2005 bis 2025 begab sich gemeinsam mit allen Mitarbeitenden vom Ensemble, über die Gewerke bis hin zur Verwaltung auf den durch flache Hierarchien, Nahbarkeit und Dialog basierenden „Bielefelder Weg“. Im Sprechtheater setzte Heicks auf kontinuierliche Zusammenarbeit mit dem Stückeschreiber David Gieselmann, dessen „Falscher Hase“ (2011), „Die Oppelts haben ihr Haus verkauft“ (2014) und „Spin“ (2019) am Haus uraufgeführt wurden. 2018 übernahm Heicks in Personalunion die Leitung der Rudolf-Oetker-Halle. Fünf Jahre darauf gelangte mit „Parsifal“ die erste „Lichtspieloper“ auf die Bühne dieses städtischen Konzertbaus, ein inzwischen etabliertes Format ohne dreidimensionales Bühnenbild, dafür mit dennoch starkem visuellen – meist cineastischem – Anteil.

Die 1930 eröffnete Rudolf-Oetker-Halle. Foto: Sarah Jonek

Spartenübergreifende Produktionen betrachtete Heicks als Kernaufgabe. Höhepunkt war die Uraufführung von „Berlin Alexanderplatz“ im September 2022. Auf Basis von Döblins Roman schuf Christiane Neudecker ihr Libretto für die Partitur der Komponistenbrüder Vivian und Ketan Bhatti. Regisseur Wolfgang Nägele vereinte die Singenden, Spielenden und Tanzenden zum Ensemble aus einem Guss. Musical-Spartenkapellmeister William Ward Murta, seit 1984 am Theater Bielefeld, hob hier seine eignen Werke des Genres wie „The Birds of Alfred Hitchcock“ (2010) und „Das Molekül“ (2017) aus der Taufe.

Kontinuität kühner Formate

Der Übergang von Heicks zu Nadja Loschky gestaltete sich fließend. Ehe sich Heicks 2025 in den Ruhestand verabschiedete und die aus dem Musiktheater kommende Regisseurin die alleinige Intendanz übernahm, fungierten beide ab 2023 im Duett. Loschky war dem Theater Bielefeld bereits seit 2018 als Hausregisseurin verbunden.

Nadja Loschky. Foto: Joseph Ruben

Neben ihrer Leitungsfunktion und fortgesetzten Regietätigkeit in Bielefeld gastiert sie an großen Opernhäusern wie der Semperoper, Frankfurt und Köln. Spartenübergreifende Formate und Lichtspieloper setzt sie fort.

Außen Jugendstilpalast, innen Variation über die Blackbox

Das Äußere des Bielefelder Theaters entspricht weitgehend der Baugestalt von 1904. Der renommierte Berliner Theaterarchitekt Bernhard Sehring kombinierte Jugendstil mit historistischen Anleihen. Reich geziert und für die Foyers großzügig durchfenstert, bedient sich die Schaufront klassischen Formenguts wie des gesprengten Dreiecksgiebels und der Obelisken aus dem Geist des Jugendstils. Hingegen zitieren Erker und Zinnen des Bühnenturms Mittelalter. Sehrings Jugendstil-Zuschauerraum existiert nicht mehr. Samt seiner beiden Ränge schien der Saal unter freiem Himmel befindlich. Am Deckenplafond prangte ein sternbesät-südliches Firmament. 1937 wurden Auditorium und Foyers im unerfreulichen Geschmack der Zeit saniert. Seit 2007 zeigt sich der Zuschauersaal völlig umgestaltet. Die Wände des durchaus Assoziationen mit einer Schachtel weckenden Raums hüllen sich in Schwarz.

Das Foyer des Bielefelder Theaters vereint alle drei Bauperioden. Foto: Frederike Karg

Um die Distanz zur Bühne gering zu halten, steigen die 14 Reihen des einzigen Rangs verhältnismäßig steil an. Über ihm und den 12 Parkettreihen erstreckt sich an der Decke gleich einer riesigen, vom Wind gebauschten Stoffbahn ein silbrig schimmerndes Edelstahlgeflecht. Die beschwingte Skulptur verbirgt Technik zur Regulierung der Nachhallzeit. Der Umbau schloss die Vergrößerung des Orchestergrabens und die bedeutende Verbreiterung des Bühnenportals ein.

Theater am Alten Markt. Foto: Christian Schulz

Seit 1950 erhebt sich das wenige Gehminuten entfernte „Theater am Alten Markt“ über dem spätmittelalterlichen Gewölbekeller des bis 1904 als Rathaus dienenden und im zweiten Weltkrieg zerstörten städtischen Repräsentationsbaus.

In seiner Paraderolle. Sándor Kónya als Lohengrin bei den Bayreuther Festspielen 1958.
Foto: Slg. Tino Barindelli

SÁNDOR KÓNYA (1923 – 2002)

Der nachmalige Startenor war zwischen 1951 und 1954 in Bielefeld engagiert. Seine erste Festanstellung nach dem Studienabschluss an der Detmolder Musikhochschule. Als Soldat der ungarischen Armee war Kónya in britische Kriegsgefangenschaft geraten. In die nun sowjetisch besetzte Heimat hatte er nicht zurückkehren wollen. An seinen deutschen Studienplatz war er nach mancherlei Abenteuern gelangt. In Bielefeld sang er zum ersten Mal die Rolle, die ihn 1958 nach Bayreuth führen und seinen Weltruhm begründen sollte: Lohengrin. 1971 war er der Bayreuther Parsifal. Gleichermaßen intensiv widmete sich Kónya dem italienischen Fach. So fühlte er sich denn nicht allein bei Radamés und Calaf, sondern ferner bei Alfredo und Pinkerton und selbst Edgardo in seinem Element. Mag sein, diese Bandbreite trug zur Erhaltung des lyrischen Anteils in seiner Stimme bei. Längst die Mailänder Scala und mehr noch die Metropolitan Opera gewohnt, führten ihn Gastspiele wiederholt zurück nach Bielefeld, etwa 1967 als Pinkerton.

Michael Kaminski