THEATER DES MONATS – STAATSTHEATER MEININGEN

Staatstheater Meiningen, Portikusfassade. Foto: Kuksung Hang

Vom Südthüringischen ging aus, was heute unter Regietheater begriffen wird. „Theaterherzog“ Georg II. v. Sachsen- Meiningen (1826 – 1914) sprengte damalige Bühnenkonventionen. In produktiver Aneignung weiß man sich diesem Erbe bis heute verpflichtet.

Das Vierspartenhaus verfügt über Ensembles für Oper, Schau-
spiel, Ballett und das „Junge Staatstheater“ (Puppen-, Kinder- und Jugendtheater). Das Große Haus zählt 726 Sitzplätze. Die Orchesterdienste übernimmt die im Jahr 1690 gegründete Meininger Hofkapelle. Ihr standen u.a. Hans v. Bülow, Richard Strauss, Max Reger und Kirill Petrenko vor. In der Frühzeit der Bayreuther Festspiele stellte das Orchester die weit überwiegende Mehrzahl der dort tätigen Musiker.

Eine europäische Angelegenheit

Das Hoftheater wurde 1831 mit Aubers „Fra Diavolo“ eröffnet.

Zu internationalem Ruhm aber gelangte es seit der zweiten Hälfte der 1860er Jahre, nachdem der das Sprechtheater bevorzugende Georg II. die Fäden einer Produktion beim Regisseur zusammengeführt hatte. Ensemblegeist ohne Starkult und präzise auf das jeweilige Stück hin konzipierte Bühnenräume erlaubten dem Publikum völlig neue Theatererfahrungen. Zwischen 1874 und 1880 machten Gastspielreisen in 38 Städten zwischen Berlin, Wien, Budapest, Stockholm, Moskau, St. Petersburg und Odessa die „Meininger Prinzipien“ in ganz Europa bekannt. In London gaben die Meininger Shakespeare vor ausverkauftem Haus, auf Deutsch. Die Klassikerpflege wurde durch des Theaterherzogs gutem Draht zu zeitgenössischen Dramatikern ergänzt. Ibsens „Gespenster“ wurden 1886 in Meiningen uraufgeführt.

Staatstheater Meiningen, Zuschauerraum. Foto: Kuksung Hang

Unter nun demokratischen Vorzeichen war das Haus in der ersten Hälfte der zwanziger Jahre Leuchtturm des dramatischen Expressionismus. Auch wegen der dem Theater angeschlossenen, freilich nur kurzlebigen „Hochschule für Schauspielkunst“. Zwei bedeutende DDR-Erstaufführungen sind zu verzeichnen: 1958 Brechts „Dreigroschenoper“, 1972 Grabbes „Napoleon oder Die hundert Tage“. 2001 sorgte der von der damaligen Intendantin Christine Mielitz inszenierte „Ring des Nibelungen“ für internationales Aufsehen. Die musikalische Leitung lag bei Kirill Petrenko. Bühnenbildner war Alfred Hrdlicka.

Theatergeschichte und Gegenwart im Dialog

Seit der Spielzeit 2021/2022 leitet Jens Neundorff von Enzberg das Haus. Regelmäßig bezieht der Spielplan den Kontext der Meininger Theatergeschichte ein. So erlebte im Februar 2024 Torstein Aargaard-Nilsens auf Ibsens Drama basierende Oper „Gespenster“ ihre Uraufführung. Für Domenico Sarros zu Beginn der Spielzeit 2025/2026 herausgekommene Barockoper „Didone abbandonata“ wurde eine Abschrift aus der Musikaliensammlung Herzog Anton-Ulrichs
von Sachsen-Meiningen (1687-1763) zugrunde gelegt.

Jens Neundorff von Enzberg. Foto: Christina Iberl

Einen weiteren Schwerpunkt bildet die Zusammenarbeit mit prominenten Malern und Bildhauern. So verantwortete Markus Lüpertz 2021 Regie und Ausstattung von „La Bohème“, 2026 von „Das Rheingold“. Akzente setzt das Haus ferner mit eher unbekannten Opern, etwa George Bizets „Ivan IV.“ im Februar 2023. – Im Sprechtheater beleuchtet Regieprominenz die Klassiker von immer Neuem. Der am Haus bestens eingeführte Andreas Kriegenburg wird ab der Spielzeit 2027/2028 die Schauspieldirektion innehaben.

Baukünstlerisch klug dimensionierter Musentempel

Das klassizistische Hoftheater brannte im März 1908 bis auf die
Grundmauern nieder. Georg II. finanzierte den Neubau aus seiner Privatschatulle. Schon im Dezember 1909 konnte das Werk des Meininger Architekten Karl Behlert der Öffentlichkeit übergeben werden. Der Leiter des herzoglichen Baubüros avancierte der elegant-neoklassizistischen Architektur mit ihrem monumentalen Säulenportikus halber zum Hofbaurat.

Staatstheater Meiningen, Foyer. Foto: Rolf K. Wegst

Die Innenausstattung war dem von Wilhelm II. geschätzten Mainzer Bildhauer Franz Vlasdeck anvertraut. Des Kaisers Huld hatte er sich mit dem Zierrat von Zuschauerraum, Foyers und Kaisersalon des Kasseler Hoftheaters erworben. Der Bau vereinbart Repräsentativität und Intimität. Ohne jede Beengung kommen Künstlerinnen und Künstler von der Bühne her dem Publikum im klug disponierten Zuschauersaal nahe. Der Weltkrieg hinterließ nur leichte Schäden. Doch nagte der Zahn der Zeit am Haus. Im Dezember 2011 konnte das sanierte und auf neuesten Stand der Bühnentechnik ertüchtigte Staatstheater der Öffentlichkeit übergeben werden. Zur Gewinnung von Raum für eine Hinterbühne war die Rückwand – ein Rest des klassizistischen Gebäudes von 1831 – spektakulär um fünf Meter in Richtung See des Englischen Gartens versetzt worden.

Oskar Begas, Ellen Franz als Leonore d’Este in Goethes Torquato Tasso. Foto: Meininger Museen

HELENE VON HELDBURG, Ellen Franz (1839-1923)

Wenn vom „Theaterherzog“ Georg II. von Sachsen-Meiningen die Rede ist, so ist im gleichen Atemzug seine dritte Ehefrau Helene von Heldburg zu nennen, vormalige Ellen Franz. Die Schauspielerin aus bürgerlichem Honoratiorenmilieu war seit 1867 am Meininger Hoftheater engagiert. Schon im Folgejahr wurden der Herzog und sie zum Paar. Die Hochzeit fand 1873 statt. Bis dahin agierte die nun zur Freifrau von Heldburg Geadelte noch auf der Meininger Bühne. Kaiser Wilhelm II. entrüstete sich ob der in seinen Augen nicht standesgemäßen Ehe und mied das Herzogtum fortan. Desto besser bekam der Ehebund dem Meininger Hoftheater. Während der herzogliche Gemahl im Verein mit Intendant Ludwig Chronegk Regie führte und alleinverantwortlich Bühnenbilder und Kostüme entwarf, gewann seine Frau zunehmend Einfluss auf die Engagements von Spielerinnen und Spielern. Höchst erfolgreich widmete sie sich der Ausbildung des Sprechtheaternachwuchses. Schauspiellegenden wie Josef Kainz, Adele Sandrock und Albert Bassermann zählten zu ihren Schülerinnen und Schülern.

 

Michael Kaminski